top of page

Warum ich in Tansania ein soziales Unternehmen gründete


Bild: Ueli ganz am Anfang mit den ersten Flechterinnen im südlichen Hochland Tansanias


«Wie bist du eigentlich dazu gekommen, in Tansania ein soziales Unternehmen zu gründen?»


Diese Frage wird mir in der Schweiz immer wieder gestellt. Meistens ist die Frage ehrlich interessiert gemeint. Gleichzeitig merke ich jedes Mal, dass die Antwort darauf nicht ganz einfach ist. Denn WomenCraft und Swahili entstanden nicht aus einem einzelnen Moment, nicht aus einem spontanen Businessplan und auch nicht aus der Idee, irgendwann einmal einen Onlineshop in der Schweiz zu führen.


Es begann viel früher: mit meiner Kindheit, meiner Familie, Begegnungen in verschiedenen Ländern, der Frage nach Gerechtigkeit – und mit der immer stärkeren Überzeugung, dass viele Menschen nicht in erster Linie Hilfe im klassischen Sinn brauchen, sondern faire Möglichkeiten, mit ihren eigenen Fähigkeiten ein verlässliches Einkommen zu erzielen.



Aufgewachsen mit der Frage nach Gerechtigkeit


Ich wurde mit einem starken Bewusstsein für Gerechtigkeit erzogen. In meiner Familie war es selbstverständlich, sich für Menschen einzusetzen, die weniger Möglichkeiten haben. Dazu gehörten für uns immer auch Tiere. Menschen und Tiere zu schützen, zu unterstützen und Verantwortung zu übernehmen, war Teil unseres Alltags und unserer Werte.


Mein Vater arbeitete als Diplomat in der Entwicklungszusammenarbeit und meine Mutter implementierte in den Ländern, in denen wir lebten, ihre eigenen Projekte. Von meinem ersten bis vierten Lebensjahr lebten wir in Nairobi, Kenia, wo mein Vater das DEZA-Kooperationsbüro leitete. Natürlich war ich damals noch zu jung, um vieles bewusst einzuordnen. Aber ich bin überzeugt, dass diese ersten Eindrücke mich geprägt haben.


Später, zwischen meinem 15. und 18. Lebensjahr, lebten wir als Familie im Libanon. Dort wurde ich zum ersten Mal bewusster mit Fragen von Konflikt, Menschenrechten und sehr unterschiedlichen Lebenschancen konfrontiert. Ich begann mich selber als Menschenrechtsaktivist zu engagieren. Ich sah, wie stark das Leben eines Menschen davon abhängen kann, wo er geboren wird, in welchem politischen Umfeld er lebt, welche Rechte geschützt werden und welche nicht.



Bild: Während meiner Zeit im Libanon kam es zum Attentat auf den ehemaligen Premierminister Rafik Hariri. Über eine Million friedliche Demonstrierende trugen während Wochen zum Abzug der syrischen Armee aus dem Libanon bei.


Ich studierte dann Politik in Bern und internationale Entwicklung in England und machte ein Praktikum bei einer Menschenrechtsorganisation in den USA.



Mosambik: wo ich zum ersten Mal wirklich verstand, was Armut bedeutet



Bild: Ueli Anfang zwanzig mit Kindern im abgelegenen Norden Mosambiks.


Besonders prägend wurde für mich die Zeit in Mosambik. In meinen frühen Zwanzigern arbeitete ich während mehreren Jahren immer wieder mit meiner Familie im sehr abgelegenen Norden des Landes, am Malawi-See, auf der mosambikanischen Seite.

Meine Mutter baute dort eine Eco-Lodge auf – an einem Ort mit kaum Infrastruktur und grosser Armut. Am Anfang zelteten wir selber am Strand. Über die Jahre entstand daraus eine Lodge, aufgebaut in enger Beziehung mit der lokalen Gemeinschaft. Gleichzeitig implementierten wir gemeinsam verschiedene Projekte: einen Gesundheitsposten, eine Schule und weitere Initiativen, die aus den Bedürfnissen vor Ort entstanden.



Bilder: Wie unsere Eco-Lodge MbunaBay entstand am Malawisee im Norden Mosambiks. Zuerst im Zelt, dann bauten wir mit der Gemeinschaft die ersten Häuser. Heute ist es eine funktionierende Lodge die über die Jahre dutzenden Menschen verlässliche Einkommen ermöglichte.


Wir lebten eng mit Menschen zusammen, deren Lebensrealität kaum weiter entfernt sein könnte von unserem Leben in der Schweiz. Die Familien lebten von Subsistenzlandwirtschaft. Wenn zu viel oder zu wenig Regen fiel oder eine Krankheit die Felder befiel, kam es zu Hungerperioden.


Auch Krankheiten prägten den Alltag: Malaria, wasserbedingte Krankheiten, Infektionen, die in einem funktionierenden Gesundheitssystem gut behandelbar wären. Immer wieder machten wir Krankentransporte. Ich erinnere mich an einen Mann, dessen kleiner Schnitt am Bein sich so stark entzündete, dass wir ihn wenige Tage später mit einer Blutvergiftung dringend ins Spital bringen mussten.


Gleichzeitig sah ich etwas, das für mein späteres Denken entscheidend wurde: die Fähigkeiten, Motivation und der Einfallsreichtum der Menschen vor Ort. Es fehlte nicht an Können, Engagement oder Verantwortung. Es fehlte an Möglichkeiten, Märkten, Infrastruktur und stabilen Einkommensquellen.



Was Arbeit in einer Gemeinschaft verändern kann


In Mosambik erlebte ich zum ersten Mal sehr konkret, welche Kraft Arbeitsplätze und Einkommen entfalten können.


Die Eco-Lodge beschäftigte über die Jahre rund 40 Menschen aus der lokalen Gemeinschaft und dutzende weitere Teilzeitarbeiter*innen. Diese Löhne veränderten nicht nur das Leben der Angestellten, sondern langsam auch das Dorf. Es entstanden kleine Restaurants und Läden. Menschen kauften Fahrräder, später Motorräder. Transporte wurden einfacher. Kranke konnten schneller zum Gesundheitsposten oder ins Spital gebracht werden.



Bild: Einer der ersten kleinen Läden im Dorf Nkholongue.

Es entstanden kleine wirtschaftliche Kreisläufe. Nicht über Nacht. Aber sichtbar. Heute hat das Dorf einen guten Gesundheitsposten und eine Schule. Viele Familien schlafen auf Matratzen und unter Moskitonetzen. Und es gibt viel mehr lokale wirtschaftliche Aktivität als früher.


Diese Erfahrung hat mich tief geprägt. Sie zeigte mir, dass ein Einkommen weit mehr ist als Geld. Es bedeutet Sicherheit, Planbarkeit und die Möglichkeit, für Familien Entscheidungen zu treffen und in einer Krise nicht sofort alles zu verlieren.



Die Ernüchterung mit klassischer Entwicklungszusammenarbeit


Nach Mosambik arbeitete ich selber in verschiedenen Kontexten mit NGOs und Entwicklungsprojekten. Meine heutige Frau, eine Amerikanerin, die ich auf der Ilala-Fähre auf dem Malawi-See kennenlernte, war ebenfalls in der Entwicklungszusammenarbeit tätig, vor allem im Bereich Public Health. Unser ganzes Leben war stark mit internationaler Entwicklung verbunden. Und trotzdem – oder gerade deshalb – wurden wir mit der Zeit ernüchtert.


Immer wieder sahen wir ähnliche Probleme. Projekte wurden mit Millionen-Budgets aufgebaut, aber nach einigen Jahren versandeten sie. Manchmal wurden Lösungen eingeführt, die nicht zum lokalen Kontext passten. Manchmal wurden technische Systeme gebracht, die gut gemeint waren, aber nicht langfristig funktionierten. Maschinen gingen kaputt, Ersatzteile fehlten, Zuständigkeiten waren unklar, lokale Fähigkeiten und Traditionen wurden zu wenig berücksichtigt.



Bild: Defekte Wasserpumpe im Norden Tansanias.


Ein klassisches Beispiel sind Wasserprojekte. Wasserpumpen und Brunnen sind grundsätzlich sehr relevant. Doch wenn eine Pumpe kaputtgeht, braucht es nicht nur ein Ersatzteil. Es braucht Menschen, die zuständig sind, Geld für Reparaturen, lokale Verantwortung und Mechanismen, damit das System langfristig instand gehalten werden kann. Das ist hoch komplex und erfordert, dass lokale Strukturen und Systeme verstanden und berücksichtigt werden. Und genau daran scheitern so viele gut gemeinte Projekte.

Ich möchte damit nicht sagen, dass Entwicklungszusammenarbeit nichts bringt. Es gibt viele sehr gute, wirkungsvolle und wichtige Projekte. Aber ich habe über die Jahre immer wieder erlebt, wie schwierig nachhaltige Wirkung ist – besonders bei grossen internationalen Projekten, die nicht immer tief genug im lokalen Kontext verankert sind.



Tansania: die Entdeckung einer Flechttradition


Nach Mosambik zog ich mit meiner Frau nach Tansania. Ursprünglich ging es um unsere Masterforschungsarbeiten. Doch Tansania wurde für uns viel mehr als ein Forschungsort. Es wurde während neun Jahren unser Zuhause.


Im südlichen Hochland Tansanias entdeckte ich die Flechtkunst von Frauen, die aus lokalen Gräsern Körbe und Taschen herstellten. Es ist eine jahrhundertealte Tradition – praktisch, schön, tief in der lokalen Kultur verwurzelt. Gleichzeitig war sie wirtschaftlich kaum erschlossen.


Meine damalige Geschäftspartnerin Catherine arbeitete bereits mit ungefähr einem Dutzend Flechterinnen. Gemeinsam begannen wir, die Kollektion weiterzuentwickeln, die Qualität zu verbessern und erste Absatzmärkte zu erschliessen – zuerst in Dar es Salaam, später auf Sansibar und schliesslich auch international.



Bild: Catherine & Ueli mit den ersten grösseren Korbtaschen Bestellungen.


Ich erinnere mich gut an die ersten grösseren Bestellungen. Plötzlich wurde aus einer kleinen lokalen Initiative etwas mit Wachstumspotenzial. Wir mussten die Produktion ausbauen, neue Frauen einbinden, Qualität sichern, Liefertermine einhalten und Kundinnen und Kunden überzeugen.


Und wir sahen, was dieses Einkommen den Frauen ermöglichte. Es ging nicht nur um faire Einkommen, sondern um Stolz, Anerkennung und das Gefühl, dass ihre Fähigkeiten wertvoll waren. Ihre Tradition wurde zur Grundlage für moderne, hochwertige Produkte, die Menschen in Dar es Salaam, Sansibar, Europa oder den USA kaufen wollten.



Bild: Flechterin Atweluche mit einer der ersten Vikapu Bomba Taschen.


Ich sah, dass man nichts Fremdes einführen musste. Man konnte auf dem aufbauen, was bereits da war: Handwerk, Tradition, Wissen, Geduld, Materialkenntnis und die Stärke von Frauen, die Verantwortung für ihre Familien tragen.


Aus dieser Arbeit entstand Vikapu Bomba, eine soziale Unternehmung, die heute mit über 120 Frauen arbeitet und Korbtaschen und Wohnaccessoires aus lokaler Flechttradition herstellt – Produkte, wie sie heute auch in unserem Swahili-Onlineshop erhältlich sind.



Warum ein soziales Unternehmen?


Aus all diesen Erfahrungen formte sich meine Überzeugung: Ein privatwirtschaftlicher Ansatz mit einer klaren sozialen Mission kann eine sehr kraftvolle Form von nachhaltiger Entwicklung sein.



Bild: WomenCraft Flechterinnen tragen ihre fertigen Produkte zum WomenCraft Office für die letzte Qualitätskontrolle bevor die Körbe verpackt und versandt werden.


Für mich geht es dabei nicht um Gewinnmaximierung. Es geht um Nachhaltigkeit im tiefsten Sinn: Alle Beteiligten müssen vom Verkauf der Produkte verlässlich leben können – die Produzentinnen, die Angestellten in Qualität, Logistik und Produktion und die Menschen, die die Brücke zu internationalen Märkten herstellen.

Und dafür braucht es eine Tradition und lokale Fähigkeiten, funktionierende Systeme, hochwertige Produkte, faire Preise und verlässliche Absatzmärkte.



WomenCraft: vom Entwicklungsprojekt zum sozialen Unternehmen


Mit dieser Überzeugung stiess ich später zu WomenCraft. WomenCraft hatte bereits ein Netzwerk von rund 250 Flechterinnen, die Korbwaren flochten, basierend auf ihrer Jahrhunderte-alten Tradition, in der abgelegenen Kagera Region im Nordwesten Tansanias.

Gemeinsam mit meiner Geschäftspartnerin übernahm ich WomenCraft und half mit, es von einem durch Spenden subventionierten Entwicklungsprojekt in ein soziales Unternehmen umzuwandeln: weg von Spendenabhängigkeit, hin zu einem Modell, das sich langfristig über den Verkauf hochwertiger Produkte finanziert. Wir bauten moderne Kollektionen auf, verbesserten Qualität und Design, stärkten das Management und erschlossen internationale Märkte.


Heute arbeiten rund 600 Frauen mit WomenCraft.



Bild: WomenCraft Flechterinnen mit ihren fertigen Produkten.


Die Wirkung davon ist sehr konkret. Viele Frauen leben heute in besseren Häusern, haben bessere Schlafmöglichkeiten und Moskitonetze. Wenn ihre Kinder krank werden, können sie Transport und Behandlungskosten bezahlen. Ihre Kinder gehen zur Schule, die Ernährung wird stabiler, die Abhängigkeit von Ernten, Regenfällen und Hungerperioden nimmt ab. Viele WomenCraft-Flechterinnen sparen zudem in Frauenspargruppen und investieren gemeinsam in Hühner, Kühe oder kleine Geschäfte.


So entstehen erneut diese kleinen wirtschaftlichen Kreisläufe, die ich schon in Mosambik erlebt hatte. Einkommen bleibt nicht bei einer Person stehen. Es bewegt sich weiter. Es schafft Möglichkeiten für andere.



Warum klein, lokal und konkret für mich zählt


Als ich noch klein war, wollte ich immer "die Welt retten" und Änderungen im grossen Stil bewirken. Das ist heute nicht mehr mein Ziel. Was mich motiviert, ist etwas anderes: lokal, konkret und messbar etwas zu verändern im Leben einzelner Frauen, Familien und Gemeinschaften.


Bei Vikapu Bomba begann es mit rund einem Dutzend Frauen, heute sind es über 120. Bei WomenCraft waren es rund 250 Frauen, heute sind es 600, die die Lebensgrundlagen ihrer Familien und indirekt, die ihrer Gemeinschaften, nachhaltig verbessern.


Das ist für mich Wirkung. Nicht spektakulär im grossen Sinn. Aber tief, konkret und real.



Und warum daraus Swahili entstanden ist


Swahili ist für mich die Weiterführung dieser ganzen Geschichte.


Nach den Erfahrungen in Mosambik, nach den Jahren in Tansania, nach Vikapu Bomba und WomenCraft wurde mir klar, dass es in Tansania viele kleine, hoch wirkungsvolle soziale Unternehmen gibt, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen wie wir: Sie beschäftigen talentierte Produzentinnen und Produzenten mit einer Generationen-alten Handwerkskunst. Sie haben gute Produkte. Sie haben eine klare soziale Mission. Aber sie brauchen profitable und verlässliche Absatzmärkte.


Genau dort setzt Swahili an.



Bild: Maasai Frauen von Sidai Designs kreieren handgemachten Perlenschmuck.


Mit Swahili bringen wir hochwertige, handgemachte Produkte aus Tansania in die Schweiz – von WomenCraft, aber auch von anderen sozialen Unternehmen, die wir persönlich kennen. Dazu gehören Sidai Designs, wo Maasai-Frauen ihre jahrhundertealte Perlenkunst in moderne Schmuckkollektionen übersetzen, oder Projekte wie Chako auf Sansibar, die Glasabfälle in schöne upcycelte Glaswaren verwandeln.


Für mich ist Swahili deshalb nicht einfach ein Onlineshop. Es ist eine Brücke zwischen Menschen in der Schweiz, die schöne, hochwertige und nachhaltig hergestellte Produkte suchen – und Produzentinnen und Produzenten in Tansania, die mit ihrem Können, ihrer Tradition und ihrer Arbeit verlässliches Einkommen schaffen können.



Nicht Hilfe, sondern faire Möglichkeiten


Die Antwort auf die Frage, warum ich in Tansania ein soziales Unternehmen gründete, liegt also in all diesen Erfahrungen zusammen.


In der gelebten Erkenntnis, wie ungerecht Lebenschancen verteilt sind. In der Erfahrung, wie viel Motivation, Talent und Kraft in Menschen steckt, die kaum Zugang zu Märkten und Einkommen haben. In der Ernüchterung über klassische Entwicklungsprojekte. Und in der Überzeugung, dass sich das Leben einer Familie konkret verändern kann, wenn eine Frau mit ihrer eigenen Arbeit ein verlässliches Einkommen erzielt.


Swahili und WomenCraft sind aus diesen Erfahrungen und Überzeugungen entstanden.

Danke, dass ihr mit euren Bestellungen, eurem Vertrauen, euren Rückmeldungen und dem Weitererzählen unserer Geschichte Teil unseres Projektes seid. Wir freuen uns riesig, diesen Weg mit euch weiterzugehen.

 
 
 

1 Kommentar


Danke Ueli für diese differenzierten, höchst persönlichen und berührenden Schilderungen. Seit über 30 Jahren unterstütze ich in Westafrika (Guinea-Bissau) Schulen mit lokalen Projektleitenden. Du bist mit dem sozialen Unternehmen noch viele grosse Schritte weiter gegangen. Meine Hochachtung, und ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg, und dass du die Wärme Afrikas im Herzen behalten kannst.

Gefällt mir
bottom of page