Zurück in der Schweiz nach neun Jahren Tansania (Teil 4)
- Ueli Litscher
- 13. Jan.
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Jan.

Warum seid ihr nach neun Jahren in Tansania zurück in die Schweiz gekommen?
Und wie hat es sich angefühlt, nach so langer Zeit wieder hier zu leben?
Diese beiden Fragen werden mir immer wieder gestellt – von Kund*innen, Freunden, und Menschen, die unser Projekt über die Jahre begleiteten. Die Fragen kommen oft ganz selbstverständlich, fast neugierig. Und doch sind sie alles andere als einfach zu beantworten.
In diesem letzten Beitrag unserer kleinen Blogserie über unser Leben in Tansania möchte ich mir genau für diese beiden Fragen Zeit nehmen. Es ist ein sehr persönlicher Text geworden – über Rückkehr, Integration und die Suche nach Lebensfreude.
Warum wir Tansania verlassen mussten

Unsere Rückkehr in die Schweiz war kein lange geplanter Schritt. Im Gegenteil: Wir hatten nicht vor, Tansania zu verlassen. Dort war unser Leben. Meine Frau arbeitete für eine NGO, ich leitete WomenCraft. Wir waren eingebettet in lokale Strukturen, hatten unsere sozialen Netzwerke und waren professionell stark verankert im Land.
Mit dem Amtsantritt von Präsident Magufuli ab 2015 veränderte sich Tansania jedoch rasant und dramatisch. Innert Wochen wurde ein zunehmend autoritäres System etabliert, mit stark repressiven Massnahmen, insbesondere auch gegenüber ausländischen Organisationen, NGOs und Unternehmer*innen. Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen wurden entzogen oder nicht mehr verlängert, Gesetze änderten sich kurzfristig, neue Regeln wurden eingeführt, oft ohne klare Kommunikation. Grundlegende Dinge wie Menschenrechte und Pressefreiheit spielten keine Rolle mehr.
So kam es, dass auch wir unsere Arbeits- und Aufenthaltsbewilligungen verloren. Während fast zwei Jahren lebten wir mit jeweils befristeten Drei-Monats-Visa, ohne echte Planungssicherheit. Es war nie ganz klar, was erlaubt war und was nicht. Durften wir arbeiten? Ins Büro gehen? Reisen? Selbst Behörden gaben widersprüchliche Auskünfte – niemand wusste mehr was zählte und was nicht. Wir beschäftigen mehrere Anwälte, um uns im Kampf für unsere Rechte und Bewilligungen zu unterstützen. Jede Fahrt in die Stadt war mit grossen Risiken verbunden durch Polizeikontrollen.
Für uns eskalierte die Situation, als meine Frau – an einem der wenigen Tage, an denen sie wieder ins Büro ging – von der Einwanderungsbehörde festgenommen wurde. Sie wurde bedroht, mehrere Stunden festgehalten, und wir konnten sie letztlich nur gegen Zahlung wieder freibekommen.
Dieser Tag war ein Wendepunkt. Uns wurde klar, dass wir uns in einer Situation befanden, in der wir nicht mehr geschützt waren. So sehr wir dieses Land, die Menschen und unsere Arbeit liebten – wir waren in Tansania nicht mehr sicher und fühlten uns nicht mehr zuhause. Schweren Herzens entschieden wir uns, nach neun Jahren unser Leben in Tansania hinter uns zu lassen. Innert weniger Monate reisten wir ab.
Zurück in der Schweiz – Sicherheit und Freiheit, die man erst vermisst, wenn sie fehlt

Im November 2019 kamen wir – mit unseren beiden tansanischen Hunden und Katzen – zurück in die Schweiz. Aus der tropischen Regenzeit, mitten in den Winter, zurück nach Bern.
Was wir fast sofort spürten, war eine enorme Erleichterung. Die ständige Anspannung, das tägliche Kämpfen für unsere Rechte, die Unsicherheit des Alltags – all das fiel von uns ab. Es war, als würde jemand einen schweren Rucksack von unseren Schultern nehmen.
Die Verlässlichkeit der Systeme in der Schweiz beeindruckte uns zutiefst. Erst durch unser Leben in Tansania wurde uns wirklich bewusst, wie weit wir als Gesellschaft und als Land gekommen sind. Viele Dinge, die einem im Alltag selbstverständlich erscheinen, erkannten wir plötzlich als grosse Errungenschaften. Regeln gelten – und sie gelten für alle. Behörden funktionieren normalerweise so, wie sie sollen, Entscheidungen sind grösstenteils nachvollziehbar, Prozesse meist transparent und berechenbar. Vor allem aber fehlt diese ständige Willkür, die wir zuvor so gut kannten. Man kann planen, Termine vereinbaren, Projekte angehen und darauf vertrauen, dass Dinge auch tatsächlich so ablaufen, wie sie angekündigt wurden. Dieses Grundgefühl von Verlässlichkeit und Stabilität nahm uns eine enorme Last von den Schultern. Es gab uns Sicherheit, Ruhe und die Freiheit, den Blick wieder nach vorne zu richten, statt ständig mit Unsicherheit, Vorsicht und Anpassung beschäftigt zu sein.

Ein weiterer, für uns zentraler Punkt war die Sicherheit im Alltag. Die Möglichkeit, sich zu Fuss zu bewegen, an einem Sommerabend an der Aare zu sitzen und danach nach Hause zu laufen, ohne Angst vor Kriminalität. Zum ersten Mal seit Jahren konnten wir uns im öffentlichen Raum frei und unbeschwert bewegen, ohne permanent unsere Umgebung zu scannen oder vorsichtig zu sein. Auch die ständige gedankliche Präsenz von gesundheitlichen Risiken wie Malaria oder Dengue fiel weg. Diese Form von Alltagsfreiheit – sich einfach bewegen zu können, ohne Sorgen im Hinterkopf – empfanden wir als grossen Luxus, den wir sehr bewusst und mit grosser Dankbarkeit genossen.
Eng damit verbunden war für uns auch die neue Leichtigkeit der Mobilität. Zu Fuss, mit dem Velo oder mit dem Zug überall hinkommen zu können, eröffnete uns eine ganz andere Qualität von Alltag.
Und natürlich genossen wir die Schönheit der Schweiz, mit den Bergen, den Seen und den vielen Altstädten und der starken Tradition, Geschichte und Kultur.
Wenn alles funktioniert – und plötzlich etwas fehlt

So paradox es klingt: Genau viele jener Aspekte, die wir in der Schweiz zunächst so sehr genossen hatten, entwickelten sich mit der Zeit auch zu einer der grössten Herausforderungen in unserem neuen Alltag.
Diese Verlässlichkeit, die Klarheit der Strukturen, die Sicherheit und Planbarkeit – all das gab uns Halt und nahm enormen Druck von unseren Schultern. Gleichzeitig merkten wir aber nach und nach, dass damit auch etwas anderes verschwand, das unser Leben in Tansania über Jahre hinweg geprägt hatte.
Schon bevor wir zurück in die Schweiz gezogen waren, hatte uns genau diese Frage beschäftigt. In Gesprächen miteinander fragten wir uns, wie es sich anfühlen würde, wieder in einem Alltag zu leben, der so viel geregelter, einfacher und vorhersehbarer ist. Ob wir uns mit der Routine abfinden könnten. Ob uns die Intensität des Lebens fehlen würde, die allgegenwärtigen Herausforderungen, die Unsicherheit, aber auch die Lebendigkeit, die daraus entstand. Es war eine Sorge, die wir nicht verdrängten, sondern bewusst mitnahmen – ohne zu wissen, wie sie sich anfühlen würde, wenn sie Realität wird.
Und genau das trat ein. Nach unserem ersten Jahr zurück in der Schweiz, stellten wir fest, dass uns etwas fehlte, auch wenn wir es zunächst kaum benennen konnten. In Tansania war jeder Tag geprägt von Unvorhersehbarkeit. Nichts war selbstverständlich. Jeder Tag hatte Gewicht. Jede Begegnung, jede Herausforderung, jede improvisierte Lösung hinterliess Spuren. Hätte man Tagebuch geführt, hätte man jeden Abend mehrere Seiten füllen können. Jeder Tag brachte viel Freude und gleichzeitig Belastung und oft auch Frust. Man war gezwungen, präsent zu sein, flexibel zu reagieren, sich ständig neu zu orientieren. Als Beispiel geben wir einen Einblick in eine unserer verrücktesten Wochen in Tansania in diesem Blogbeitrag.

In der Schweiz hingegen verlief unser neues Leben wie erwartet ruhig, strukturiert und vorhersehbar. Und das war anfänglich ohne Frage ein riesiger Vorteil, den wir aktiv genossen. Gleichzeitig merkten wir aber auch, wie Tage vergingen, ohne dass sie sich voneinander unterschieden. Wie Routinen sich einschlichen, wie der Alltag leise und zuverlässig funktionierte – aber auch, wie er uns weniger forderte. So absurd es klingt: Wir begannen, die tägliche Herausforderung zu vermissen. Nicht die Unsicherheit an sich, sondern das Gefühl von Intensität, von Lebendigkeit, von Bedeutung im Kleinen wie im Grossen.
Zurückkommen ist nicht gleich Ankommen

Was wir ebenfalls deutlich unterschätzt hatten, war die soziale Reintegration nach unserer Rückkehr.
Obwohl ich in Bern aufgewachsen bin und die Schweiz meine Heimat ist, fühlte sich unsere Rückkehr an wie ein Neuanfang – in einem Land, das mir zwar sehr vertraut war, sich aber gleichzeitig überraschend fremd anfühlte.
Während wir weg gewesen waren, hatten unsere Freunde ihre Leben, wie auch wir, weitergelebt. Freundeskreise hatten sich gefestigt, Alltage waren strukturiert, Routinen etabliert. Viele soziale Konstellationen waren geschlossen, nicht aus Absicht oder Ablehnung, sondern einfach, weil das Leben so funktioniert. Man hat seine Gruppen, seine Gewohnheiten, seine wöchentlichen Treffen – und diese öffneten sich uns nicht automatisch nach unserer Rückkehr.
Wir hatten erwartet, dass das Wiederankommen leichter sein würde. Dass alte Beziehungen, die wir während unserer Zeit in Tansania weiterhin pflegten, uns wieder aufnehmen würden und wir schneller wieder Teil des sozialen Gefüges sein würden. Doch das geschah kaum. Es gab wenig aktive Unterstützung beim Ankommen, wenig Einbindung in bestehende soziale Strukturen. Wir wurden selten eingeladen, kaum automatisch mitgedacht. Und so merkten wir schnell, dass wir uns unsere sozialen Netzwerke neu aufbauen mussten - bzw. viel Aufwand betreiben mussten, um wieder Teil unserer alten Netzwerke zu werden.
Das war überraschend. Gerade für mich, der hier aufgewachsen ist, fühlte sich diese Erfahrung sehr ungewohnt an. In Tansania waren wir eng mit lokalen aber auch Expat-Netzwerken verbunden. Aus dem Expat-Leben, wo es einen ständigen Wechsel gab an Menschen und Familien die kamen und gingen, waren wir uns gewohnt, dass man sich gegenseitig unterstützt und bei der sozialen Integration hilft, wenn jemand neues ankommt. Das war ein wichtiger Teil des Lebens als Expat. Unsere Erfahrung in der Schweiz zeigte uns auf eindrückliche Weise, wie anspruchsvoll Integration sein kann – selbst für Menschen, die eigentlich „dazugehören“.
Der Fakt, dass kurz nach unserer Ankunft die Corona Pandemie ausbrach hat unser Ankommen natürlich sehr viel schwieriger gemacht.
Winter, Leistungsdruck und die Frage nach dem Sinn des Lebens

Auch das Klima fiel uns schwer. Der Mangel an Sonne, die langen Wintermonate, manchmal wochenlang kein blauer Himmel – das belastete uns stärker, als wir erwartet hatten, nach Jahren mit täglichem Sonnenschein.
Hinzu kam etwas anderes, das uns zunehmend beschäftigte: der gesellschaftliche Leistungsdruck. Wir hatten den Eindruck, dass viele Menschen in unserem Umkreis ständig „funktionieren“ müssen. Immer produktiv, immer erreichbar, immer auf dem Weg zum nächsten Ziel.
Ich erinnere mich an eine Zugfahrt an einem sonnigen Sonntagnachmittag. Wir waren mit unseren Kindern unterwegs, entspannt, voller Vorfreude auf den Tag. Ich ging durch den Wagen und sah fast ausschliesslich Menschen, die arbeiteten, lernten, optimierten. Laptops, Fachbücher, To-do-Listen. Dieser Moment blieb mir im Gedächtnis.
In unserem direkten Umfeld hörten wir immer wieder von Burnouts, von Menschen, die für Wochen oder Monate ausfielen. In diesem Umfeld fühlten wir uns mit unserem eher unkonventionellen Hintergrund immer wieder fehl am Platz. Wir hinterfragten unsere Lebensweise und die Seriösität unserer Arbeit im Home Office. Ich fing selber an, mich unter Druck zu setzen, mehr zu machen, auch wenn ich eigentlich bereits sehr viel machte und darüber hinaus noch unsere beiden kleinen Kinder dazukamen. Diese Gefühle waren für uns relativ neu. In unserem Umfeld in Tansania waren viele, die einfach mal etwas probierten, die ihre eigenen sozialen Projekte vorantrieben und ihre Lebensfreude vor ihre Karriere stellten. Der Leistungsdruck war deutlich weniger omnipräsent als wir ihn in der Schweiz empfinden.
Eine Erfahrung, die bleibt

Wenn wir heute auf diese Jahre zurückblicken, wird uns vor allem eines bewusst: Unsere Zeit in Tansania hat uns nachhaltig geprägt. Sie hat unseren Blick auf das Leben, auf Beziehungen, auf Arbeit und auf das, was wirklich zählt, grundlegend verändert. Diese Erfahrung bleibt – unabhängig davon, wo wir heute leben oder wie unser Alltag aussieht.
Gleichzeitig ist für uns klar, dass ein Leben in Tansania in unserer aktuellen Lebensphase, mit zwei kleinen Kindern, im Moment nicht in Frage kommt. Die Intensität, die Unsicherheit und die täglichen Herausforderungen, die wir früher getragen haben, wären heute kaum vereinbar mit dem Bedürfnis nach Stabilität, Sicherheit und Verlässlichkeit, das man als Familie ganz natürlich entwickelt.
Gerade deshalb empfinden wir grosse Dankbarkeit für das, was wir durch unsere Zeit in Tansania gelernt haben. Sie hat uns gezeigt, wie wertvoll funktionierende Systeme sind – klare Strukturen, verlässliche Behörden, Sicherheit im Alltag, Planbarkeit und Stabilität.
Dinge, die man in der Schweiz und in vielen Teilen Europas leicht als selbstverständlich hinnimmt, wissen wir heute sehr bewusst zu schätzen. Und genau dieses bewusste Wahrnehmen und Würdigen schenkt uns bis heute viel Lebensfreude.

Unsere Verbindung zu Tansania ist dabei nie abgerissen. Durch unsere Arbeit, insbesondere mit WomenCraft, bleiben wir den Menschen, ihren Geschichten und auch den Herausforderungen des Landes eng verbunden. Wir erleben die Realität vor Ort weiterhin mit – aus der Distanz, aber mit grosser Nähe. Vielleicht liegt genau darin unsere persönliche Balance: geprägt von der Intensität Tansanias und getragen von der Verlässlichkeit funktionierender Systeme.
Diese Erfahrung möchten wir nicht missen. Sie erinnert uns täglich daran, wie privilegiert vieles ist – und wie wichtig es ist, diese Privilegien nicht als gegeben hinzunehmen.




Kommentare