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Das Leben im Mtendeli Flüchtlingslager: Esperance Balingayao

Aktualisiert: 14. Jan.



Esperance Balingayao ist eine der WomenCraft Flechterinnen aus Burundi, mit denen wir im Mtendeli Flüchtlingslager in Tansania zusammenarbeiten durften. Ihre Geschichte erzählt von Flucht, dem schwierigen Leben im Lager, aber auch von unglaublicher Stärke und Durchhaltevermögen. In diesem Blogbeitrag schildert Esperance, wie sie mit ihren Kindern mitten in der Nacht aus Burundi fliehen musste, den langen Weg zu Fuss über Berge, Wälder und Flüsse bis zur Grenze auf sich nahm und schliesslich im Flüchtlingslager Mtendeli in Tansania ankam. Es ist eine zutiefst bewegende und zugleich inspirierende Geschichte über Resilienz, Verantwortung und die Kraft des Flechtens. Alles ist erzählt in der ersten Person, direkt aus der Erzählung von Esperance:


DIE FLUCHT


Wir flohen mitten in der Nacht aus unserem Zuhause, als wir hörten, dass Regierungsmilizen in die benachbarten Dörfer eindrangen und Menschen plötzlich verschwanden. Ich war allein mit meinen sechs Kindern, da mein Mann bereits früher mit seiner zweiten Frau geflohen war. Wir liessen alles zurück und nahmen nur das Allernötigste mit. Wenn man sieht, dass jemand mit seinem Besitz unterwegs ist, weiss man, dass er flieht – und dafür kann man getötet werden. Deshalb gingen die ganze Nacht hindurch ohne Licht und folgten lediglich den schmalen Pfaden vor uns.


„Ich kannte den Weg sehr gut, denn es war bereits das dritte Mal, dass wir unser Zuhause in Burundi verlassen und in die Lager in Tansania fliehen mussten.“


Von unserem Zuhause aus braucht man zu Fuss zwei volle Tage bis zur Grenze nach Tansania. Man muss die kleinen Wege benutzen, da man auf den Hauptstrassen leicht aufgegriffen werden kann. Nach Sonnenaufgang gingen wir einfach weiter, bis es wieder dunkel wurde. Die Pfade führten durch Wälder und über Berge. Manchmal mussten wir sogar Flüsse überqueren.



Am Abend fanden wir die kleine Hütte einer Familie, die uns aufnahm und uns bis zum Morgen Schutz bot. Am nächsten Tag erreichten wir am späten Nachmittag die Grenze, wo tansanische Einwanderungsbeamte unsere Personalien aufnahmen. Anschliessend warteten wir weitere drei Tage an der Grenze, bis wir einen Bus besteigen konnten, der uns und andere Flüchtlingsfamilien ins Flüchtlingslager Mtendeli brachte.


„Die grösste Herausforderung für uns war, dass wir keinerlei Lebensmittel bei uns hatten. Der Weg ist sehr lang, und wir litten alle unter Hunger. Einige meiner Kinder waren noch sehr klein, sodass ich sie zeitweise tragen musste.“

DAS LEBEN IM LAGER


Wir kamen im September 2017 im Flüchtlingslager Mtendeli an und erhielten zwei provisorische Zelte aus Planen des UNHCR. Ein Zelt ist für meinen Mann und mich, das andere für unsere sechs Kinder sowie zwei Waisenkinder, die wir in unsere Obhut aufgenommen haben.



Das Leben im Camp ist hart. Wir sind Bäuerinnen und Bauern, doch im Lager dürfen wir keine Felder bestellen – ausser ein paar Maispflanzen zwischen unseren Zelten. Wir sind auf die monatlichen Lebensmittelrationen des Welternährungsprogramms angewiesen, doch diese reichen nicht aus, um unsere ganze Familie zu ernähren. Kürzlich wurden die Rationen sogar weiter gekürzt, was unsere Situation noch schwieriger gemacht hat.

Auch der Zugang zu Wasser ist ein grosses Problem. Wir dürfen Wasser nur an den öffentlichen Zapfstellen im Camp holen, doch dort stehen immer lange Menschenschlangen an.


„An manchen Tagen schaffen wir es gar nicht, Wasser zu holen. Am nächsten Tag muss man dann regelrecht kämpfen, um an Wasser zu kommen.“


Wenn wir im Camp kein Wasser bekommen, bleibt uns nichts anderes übrig, als Wasser aus dem Fluss ausserhalb des Lagers zu holen. Als Geflüchtete dürfen wir das Lager jedoch nur mit einer speziellen Bewilligung verlassen, die oft schwer zu bekommen ist. Da wir das Camp nicht verlassen dürfen, können wir auch nicht mit den umliegenden Gemeinden handeln, und innerhalb des Lagers gibt es kaum echte Einkommensmöglichkeiten.



Auch wenn das Leben im Camp schwierig ist, bin ich dankbar, dass wir unsere Kinder zur Schule schicken können. Im Lager gibt es sowohl eine Primar- als auch eine Sekundarschule. Zudem gibt es ein Krankenhaus, in dem wir behandelt werden können, wenn jemand von uns krank wird. Insgesamt fühlen wir uns im Camp meist sicher.


Sehr grosse Sorgen bereitet mir jedoch, wenn die tansanische Regierung erklärt, die burundischen Geflüchteten sollten in ihre Heimat zurückkehren, weil sich die Situation dort angeblich stabilisiert habe. Ich stehe in Kontakt mit Verwandten, die in Burundi geblieben sind, und ich weiss, dass es für uns nicht sicher ist zurückzugehen. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass es für uns jemals wieder sicher sein wird, nach Burundi zurückzukehren.


„Wir sind bereits dreimal geflohen. Wir sind so erschöpft, und wir können uns nicht vorstellen, jemals nach Burundi zurückzukehren.“


RESILIENZ DURCH FLECHTEN


In unserer Region in Burundi hat das Flechthandwerk eine lange Tradition. Meine Mutter hat mir das Flechten beigebracht, als ich dreizehn Jahre alt war. Heute bin ich sehr dankbar, dass ich durch meine Arbeit als Flechterin bei WomenCraft ein Einkommen habe und damit meine Familie im Camp unterstützen kann. Ich war von Anfang an Teil der Flechtgruppe von WomenCraft im Camp. Als ich die ersten Produkte sah, war ich sofort begeistert von den Designs und der hohen Qualität.


Die ersten Muster, die ich herstellte, waren eine grosse Herausforderung, da ich die Designs noch nicht kannte und zuvor nie mit Formen gearbeitet hatte. Doch ich entschied mich, mich dieser Herausforderung zu öffnen, und erlernte die neuen Techniken schnell. Ich arbeitete hart und wurde schliesslich zur Leiterin unserer Gruppe von 50 Kunsthandwerkerinnen ausgewählt.


„Ich bin stolz auf meine Flechtarbeit und sehr glücklich darüber, unsere Gruppe zu leiten, um andere Kunsthandwerkerinnen zu unterstützen, sich weiterzuentwickeln und unsere hochwertigen Produkte herzustellen.“



Auch meine Familie ist stolz auf mich. Sie wissen, dass das Flechten nun meine Arbeit ist und dass wir durch mein Einkommen unser Leben im Camp verbessern können. Wir nutzen das Geld, um zusätzliches Essen zu kaufen, da die Lebensmittelrationen nicht ausreichen, und um anständige Kleidung sowie Seife zu erwerben. Einen Teil meines Einkommens spare ich, um später einen kleinen Frühstücksstand im Camp zu eröffnen, an dem wir Tee und lokale Donuts verkaufen möchten.


Alles, was ich mir für die Zukunft wünsche, ist, dass meine Familie und ich an einem sicheren und friedlichen Ort leben können. Selbst ein weiteres Leben im Camp ist für uns in Ordnung – solange ich die Möglichkeit habe, weiterhin zu flechten.


„Ich bin sehr stolz darauf, meine Produkte an Kundinnen und Kunden auf der ganzen Welt verkaufen zu können. Wir müssen hart arbeiten, um unsere Kundschaft zufriedenzustellen und weiterhin Bestellungen zu erhalten.“


 
 
 

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